Pestarzt, Rekonstruktion

Zoologie

Manfred Gräfe

2001


Inventarnummer:

S 2001-5

Material und Technik:

Figur in Lebensgröße aus Glasfaserkunststoff mit einem Gewand aus gewachstem Leinen und Leder.

Maße:

als Pestarzt H: 155,5 cm B: 56 cm T: 82 cm

Objektbezeichnung:

Figur

Anmerkung:

Die auf den ersten Blick skurril wirkenden Gewänder der mittelalterlichen Pestärzte waren Schutzanzüge, mit denen sie sich gegen die vermeintliche Krankheitsursache, giftige Dünste („Pesthauch“ oder „Miasma“), und eine unbekannte stoffliche Ansteckungskomponente (die Seuche wurde erfahrungsgemäß auch durch Waren und Kleidungsstücke übertragen) zu schützen hofften. Die Gewänder wurden aus Leder oder aus gewachstem Stoff gefertigt, damit sie möglichst luftundurchlässig waren. Der charakteristische „Schnabel“ der den ganzen Kopf bedeckenden und bis auf die Schultern reichenden Pestarzt-Haube sollte Schutz vor giftigen Dünsten bieten. Er enthielt wohlriechende Kräuter und/oder einen mit Essig getränkten Schwamm, deren Duft dem „Miasma“, entgegenwirken sollte. Da auch die Blicke der Kranken als ansteckend galten und um Lufteintritt zu verhindern, waren die Augenöffnungen der Haube mit Marienglas (Selenit) verglast. Die durchsichtigen Kristalle des Minerals Selenit, einer Varietät des Gipses, lassen sich gut in dünne Plättchen spalten. Diese sind, im Gegensatz zu dem damaligen Glas, gleichmäßig dick und blasenfrei und erlaubten dem Pestarzt eine klare Sicht. Über die Funktion des Stabes, den die Pestärzte auf zeitgenössischen Zeichnungen immer in der Weise tragen, wie es die Figur darstellt, kann nur spekuliert werden. Vermutlich diente er während der Krankenbesuche als Zeigestock, mit dem der Arzt auf zu waschende oder zu behandelnde Körperbereiche der Kranken deutete und in der Räumlichkeit Orte bezeichnete, an denen das Miasma durch Räucherwerk oder stark riechende Duftstoffe ausgetrieben werden sollte. Möglicherweise wurde er auch eingesetzt, um andere, insbesondere erkrankte Personen auf Abstand zu halten. Vermutlich boten diese Anzüge den Pestärzten tatsächlich einen zwar nicht vollkommenen, aber doch gewissen Schutz gegen eine Infektion, weil sie Flöhe weitgehend abhielten. Rattenflöhe übertrugen die Pesterreger.